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Zen - was ist das?
geschrieben von: Ingo Preuss am Samstag, 20. Juli 2002, 13:48 Uhr
Kakua, der erste Japaner, der Zen in China studierte, wurde nach seiner Rückkehr vom Kaiser in Japan eingeladen, alles vorzutragen, was er in China gelernt hatte. Kakua zog eine Flöte aus seiner Robe, blies eine kurze Note, verbeugte sich höflich und ging hinaus. (in: Reps P., Zen Flesh, Zen Bones, Doubleday, 1959, S. 60).

Als Bodhidharma nach China kam und der fromme Kaiser Wu, der zahlreiche Tempel erbaut und Klöster eingerichtet hatte, ihn nach der höchsten Wahrheit fragte, antwortete er: »Leer, ohne Heiligkeit«. Ihm werden auch die folgenden Zeilen über Zen zugeschrieben: »Eine besondere Überlieferung außerhalb der Schriften, unabhängig von Wort und Schriftzeichen: Unmittelbar des Menschen Herz zeigen, - die (eigene) Natur schauen und Buddha werden.« (Dumoulin S. 83).
Hier sollte ein Zenlehrer aufhören zu reden. Obwohl das Dharma keine Verteidiger braucht und die Wahrheit nur im Dokusan-Raum erhärtet werden kann und nicht in polemischen Schriften, ist es doch immer wieder Aufgabe der Zenmeister, auch auf intellektueller Ebene zur Klärung beizutragen. Ich weiß, dass das am Ende nicht möglich ist, und möchte mich daher an Shakyamuni Buddha halten, der 49 Jahre im Land herumgereist ist, um die Wahrheit zu verkünden, und am Ende sagte: »Ich habe kein Wort gesprochen«.

1. Es gibt keine Lehre über Zen, auch keine buddhistische. Meister Yuansou meint mit Recht: »Es gibt keine Lehre für dich, um daran zu kauen oder sich darüber zu hocken. Wenn du nicht an dich selbst glaubst, nimmst du dein Bündel und machst die Runde vor anderer Leute Häuser, nach Zen und Tao zu suchen. Du suchst nach Mysterien, nach Wundern, nach Buddhas, nach Zenmeistern und Lehrern. Du meinst, das sei Suchen nach dem Höchsten, und du machst es zu deiner Religion, aber das gleicht einem Rennen nach Osten, um etwas zu bekommen, was im Westen liegt. (Cleary, S. 138). Man kann daher auch niemand zum Zenlehrer ausbilden oder einfach zum Roshi ernennen. Wer das Koan Nr. 6 im Mumonkan passiert hat, weiß, dass nichts gegeben wird. Buddha hält eine Blume hoch. Wer Wirklichkeit in dieser Weise erfahren hat, ist erleuchtet und kann eventuell eine Beauftragung erhalten.

2. Zen ist keine Religion. Daher gibt es auch kein christliches Zen und kein buddhistisches Zen. Und so gibt es auch keine buddhistischen Zenmeister, sondern nur Zenmeister, die Buddhisten sind, und eben auch Zenmeister, die Christen sind oder sich gar keiner Konfession zuzählen. Leider gibt es sowohl im Osten wie im Westen Zenlehrer, die noch tief in der Konfession stecken. Der fundamentale Unterschied in den Religionen verläuft nicht vertikal zwischen den einzelnen Bekenntnissen, sondern horizontal zwischen der esoterischen und exoterischen Ebene dieser Religionen.
Alle Religionen haben eine exoterische Seite, d. h. sie haben Bekenntnisse, Heilige Schriften, Rituale und Zeremonien. Die meisten Gläubigen bewegen sich auf dieser Ebene. Aber alle Religionen kennen auch einen spirituellen Weg, der über die Konfession hinausführt in die Erfahrung dessen, was die Lehren nur beschreiben können. Im Hinduismus ist es der Weg des Raja -Yoga, Kria Yoga oder Patanjali, im Buddhismus ist Zen und Vipassana, im Islam der Sufismus, im Judentum die Kabbala und im Christentum die Wege der Mystik.
Gottheit, Satori, Unio Mystica ist nur jenseits aller kognitiven Vorstellungen zu erreichen. Dieser Endzustand ist das reine Sosein im Hier und Jetzt und nicht ein abgehobener oder zukünftiger Zustand. Es gibt eine ‘Sophia perennis«, eine ewige Weisheit, die heute erst von wenigen gelebt wird, die aber eines Tages als das wahre Ziel einer jeden Religion erkannt werden wird. Die Menschen der Zukunft werden »Erwachte« sein. Das tritt aber nur ein, wenn Zen und alle esoterischen Wege sich aus der Umklammerung der Konfessionen befreien. Zen spielt dabei eine wichtige Rolle, weil klar ist, dass Shakyamuni eher vor der Religion warnte, statt sie zu praktizieren.
Zen ist zwar eng mit der buddhistischen Religion verbunden, aber es transzendiert diese und jede Religion. Zen und jeder esoterische Weg, sei es Yoga, Vipassana, Kontemplation, führen über die Konfession einer Religion hinaus, d. h. sie führen auch aus einem vordergründigen Religionsverständnis heraus, wie es die religiösen Lehrbücher verkünden.

3. Und ein Drittes scheint mir von Bedeutung: Zen sollte im Westen den monastischen Charakter verlieren. Niemand braucht sich die Haare scheren zu lassen oder ein buddhistisches Mönchsgewand anziehen, um Zazen zu machen. Man muss auch nicht alle Rituale, die im Laufe der Zeit in den Zenklöstern gewachsen sind, übernehmen. Der Hang zu äußeren Formen ist eine Anfängerkrankheit aller Konvertiten. Zen wird sich im Westen in seiner äußeren Struktur verändern, wie es sich verändert hat, als es dem taoistischen China begegnete. Sein Wesen wird sich nicht verfälschen lassen, auch nicht von Christen und Buddhisten. Das Dharma braucht keine Verteidiger.
Mein langer Aufenthalt in Japan und mein langes Zenstudium unter meinem Meister haben mich erkennen lassen, dass sich die religiösen Vorstellungen meiner buddhistischen Freunde genauso wandelten, wenn sie Zazen übten, wie die religiösen Vorstellungen meiner christlichen Freunde. Dem Anhänger des Amida-Buddhismus stand die gleiche Wandlung auf dem Zenweg bevor, wie dem Christen, der eine personale Gottesvorstellung hatte. „Töte Buddha und die Patriarchen, wenn sie dir begegnen«, heißt ein geflügeltes Zenwort. „Ich bitte Gott (Gottheit), dass er mich Gottes quitt mache«, formuliert Meister Eckehart und meint das Gleiche. Buddhismus ist in Asien genau so Volksreligion mit ganz verschiedenen konfessionellen Strukturen wie das Christentum im Abendland. Wer den Zenweg wirklich bis zur Erfahrung geht, dessen religiöse Überzeugung hat sich so gewandelt, dass sie ihm nicht Hindernis sein wird. Er hat es auch nicht nötig, aus einer Konfession auszusteigen, aber er wird sie neu interpretieren.

4. Man darf nie die konfessionelle Seite einer Religion mit dem Erfahrungsweg einer anderen Religion vergleichen, also nicht Christentum und Zen, sondern nur Mystik und Zen. Bei allen großen Mystikern finden sich vergleichbare Hinweise auf die unaussprechbare Wirklichkeit, wenn auch in anderen Bildern und in anderer Sprache. Ob man die Erfahrungsberichte eines Parmenides liest, der fast ein griechischer Zeitgenosse Shakyamunis war, oder Plotinus (um 350 n.Chr.), der sich keiner Religion zuzählte, oder Eckehart, der fast ein Zeitgenosse Dogen Zenjis hätte sein können, immer kann man die gleiche zeitlose Botschaft erkennen. Einige wenige Beispiele mögen das belegen.
Der Sufi Idries Shah dichtet: »Bis Schule und Minarett zerbröckeln, wird dies unser heiliges Werk nicht vollendet sein. Bis Glaube zur Verwerfung, Verwerfung zu Glaube wird, gibt es keinen wahren Muslim.«
Kabir, der eine muselmanische Mutter hatte, aber von einem Brahmanen erzogen wurde und schließlich jenseits von beiden Religionen stand, dichtet: »O, der du Mir dienst, wo suchst Du mich? Siehe, Ich bin bei dir. Ich bin weder im Tempel noch in der Moschee, weder in der Kaaba noch auf dem Kailash. Weder bin Ich in Riten und Zeremonien, noch in Yoga oder Entsagung. Wenn du ein wahrhaft Suchender bist, wirst du Mich sogleich sehen, mir begegnen im gleichen Augenblick. Kabir sagt: O Sadhu! Gott ist der Atem allen Atems.« (Kabir, S. 1).
Aus den Formulierungen vieler Mystiker, die Christen waren, höre ich die gleiche Botschaft. Obwohl die theistischen Mystiker immer wieder von ‚Glaube’ und ‚Gott’ sprechen, meinen sie eine Wirklichkeit, die nur hinter diesen Worten zu finden ist.
Dionysius, ein Mönch aus dem 4. Jahrhundert schreibt: »Die erste Ursache von allem ist weder Sein noch Leben. Denn sie ist es ja gewesen, die Sein und Leben erst erschaffen. Die erste Ursache ist auch nicht Begriff oder Vernunft. Denn sie ist es ja gewesen, die Begriffe und Vernunft erschaffen. Nichts in dieser Welt ist die erste Ursache. Denn alles in dieser Welt ist ja von ihr erschaffen. Und dennoch ist sie keineswegs ohne Macht: Denn sie hat doch alles erschaffen, alles ins Sein gerufen, was ist. Und Schöpfung, Ruf ins Sein braucht eine Macht, damit auch wirklich etwas entsteht. Und dennoch ist diese erste Ursache auch keine Macht. Denn sie ist es ja gewesen, die die Macht erst erschaffen hat.«
Man kann durchaus einer Konfession angehören und auch ihre Rituale praktizieren. Man kann auch ihre Lehre vertreten, aber sie wird dann aus der Erfahrung heraus interpretiert.

Zum Schluss möchte ich noch einen bedeutenden zeitgenössischen Zenmeister zu Wort kommen lassen: »Man muß Zen unabhängig von der Zen-Schule des Buddhismus verstehen. Zen gehört weder einschließlich noch ausschließlich zu der buddhistischen Zen-Schule. Ich halte Zen für die universale Wahrheit, die wahres Wissen und Frieden in das Leben der Menschen in der Welt bringt. Jede Religion und Kultur sollte Nutzen ziehen aus dem, was Zen an geistigem Wert anzubieten vermag.« (Shibayama S. 70) Aus diesem Zitat spricht echte Zen-Freiheit, die ich manchem Polemiker wünschen würde.

Der wirklich religiöse Mensch ist nicht durch seine Konfession charakterisiert. Ein wirklich religiöser Mensch übersteigt sein Glaubensbekenntnis. Religion ist die Erfahrung des Göttlichen, der Leerheit, des Absoluten im Hier und Jetzt, im Sosein des Augenblicks. Religion ist die unmittelbare Wahrnehmung des Geschehens. Denn im Geschehen manifestiert sich die Erste Wirklichkeit. Später kann man darüber nachdenken. Aber das ist nur ein Abklatsch der Erfahrung, eine Konserve, die man aufmacht. - Und von Johannes v. Kreuz schreibt John Chapman, ein christlicher Spiritual, der ein großer Ratgeber und Begleiter für Menschen auf einem spirituellen Weg war: »Der heilige Johannes vom Kreuz ist wie ein mit Christentum vollgesaugter Schwamm. Drückt man alles heraus, bleibt die volle mystische Theorie zurück. Infolgedessen hab ich Johannes vom Kreuz fünfzehn Jahre lang gehasst und einen Buddhisten genannt. Ich liebte die heilige Teresa und las sie immer wieder und immer wieder. Sie ist zuerst Christin und nur in zweiter Linie Mystikerin. Dann ging mir auf, dass ich - was das Beten anging - fünfzehn Jahre vergeudet hatte.«

Literatur:
Reps P., Zen Flesh, Zen Bones, Doubleday, 1959
Cleary T., Der Mond scheint auf alle Türen, München 1989
Kabir, Im Garten der Gottesliebe, Heidelberg 1984
Dumoulin H., Geschichte des Buddhismus, Bern 1985
Shibayama Z., Zen in Gleichnis und Bild, Bern 1974

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(c) 2002 by Willigis Jäger, Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung
URL des original Beitrages: http://willigis-jaeger.de/Zen/zen.html
Fragen zu Zen
Literaturtipps

Diederichs Gelbe Reihe, Bd.78, Zen als Lebenspraxis


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