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ZEN in BEWEGUNG (ZiB)
geschrieben von: hakushi am Sonntag, 15. Januar 2006, 19:13 Uhr
Weg aus einer existenziellen Krise

Von Dorin Genpo Döring


Seit diesem Jahr gibt es im Bodaisan Shoboji Zentempel in Dinkelscherben Kurse, die unter der Bezeichung Zen in Bewegung laufen.

Grundlagen
Zen sieht seine Herkunft im Wirken des Buddha Shakyamuni begründet, der vor etwa 2500 Jahren in Nordindien lebte und lehrte und den Anfang setzte für das, was wir heute als Buddhismus kennen. Buddha zeigte einen ganzheitlichen Heilsweg für Körper und Geist auf, der bei den Ursachen des Leidens ansetzt und sich nicht damit zufrieden gibt, äußere Symptome zu bekämpfen. Oft vergleicht man deshalb das Handeln des Erhabenen mit der Tätigkeit eines Arztes und seine Lehre mit einem wohlgefüllten Medizinschrank. So wie es die verschiedensten Krankheiten und Leidenschaften gibt, so existieren auch Arzneien und Heilmittel in großer Zahl und unterschiedlichster Art und Wirkung. Es kommt in diesem Sinne nur noch darauf an, den unterschiedlichsten Individuen und ihren oft ausgefallensten Krankheiten die ihnen entsprechende Medizin zu verabreichen.
Eine dieser Medizingaben ist Zen in Bewegung, das so manchem, der Zen als strenge Schule mit stundenlangem unbeweglichem Sitzen sieht, auf den ersten Blick als Modeerscheinung oder Verwässerung erscheinen mag. Dies ist aber nicht der Fall.


Zen in Bewegung geht auf Bodhidharma zurück, der im 6. Jahrhundert die Meditationsschule des Buddhismus von Indien nach China brachte und als ersten Patriarch des Zen im Reich der Mitte betrachtet wird. Von Bodhidharma wird gesagt, dass er der Begründer des Kung fu sei. Aus Zen haben sich verschiedene Wege und Schulen entwickelt, die sich mit der Entwicklung und der Entfaltung von Körper und Geist beschäftigen und dabei den Körperaspekt betonen.
Auch Hakuin Ekaku, einer der bedeutendsten Persönlichkeiten des japanischen Buddhismus hat ausführliche Anleitungen zu Zen in Bewegung gegeben. Für ihn war Zen nicht nur Sitzmeditation, sondern das alltägliche Leben in Achtsamkeit, welches selbstverantwortlichen Umgang mit uns selbst und unserer Umwelt einschließt. Chigung, Taichi, Karate, Judo und Aikido seien in diesem Zusammenhang erwähnt. Das, was wir heute als Kampfsportarten erleben, waren ursprünglich buddhistisch inspirierte Körperübungen, die zu Stärkung der Selbstdisziplin und zur Vervollkommnung der Harmonie zwischen Körper und Geist ausgeübt wurden.
Körper und Geist bilden für eine gewisse Zeitspanne eine Einheit. Der Mensch wird geboren und fängt an sich und seine Umgebung wahrzunehmen. In den ersten Lebenswochen und Monaten wird er sich hauptsächlich mit sich selbst beschäftigen. Er hört, schmeckt, fühlt, sieht, bewegt sich, kommt so zu Erfahrungen und lernt dabei aus sich selbst heraus. Er entwickelt sich und entfaltet nach und nach - wenn man ihn nicht dabei stört oder daran hindert - seine bereits in ihm angelegten Potenziale.
Zen in Bewegung hilft dem Übenden dabei das bereits vorhandene heilsame Potenzial (wieder) zu entdecken und zur Entfaltung zu bringen. Der Lehrer ist dabei nur Wegweiser, der Finger, der auf den Mond deutet.
Wir Menschen (wie alle fühlenden Wesen) tragen (vergangenes) Karma in uns. Verschiedene Anlagen und Fähigkeiten sind bereits vorhanden. Des weiteren werden wir von Geburt an von unserer Umgebung geprägt und beeinflusst. Es ist von großer Bedeutung, in welcher Familie, in welchem Land und zu welcher Zeit man geboren wird. So ist es möglich, dass im guten Falle alle Anlagen, die uns zu heilen Menschen machen, gefördert werden oder, wie es oft geschieht, nicht zur Entwicklung kommen und gelegentlich sogar unterdrückt werden.

Grundlagen der Krisen in der Kindheit
Es ist ja schon fast zum Klischee verkommen, dass alle Probleme in der Kindheit begründet liegen. Aber auch Klischees haben ihre berechtigten Grundlagen und so lässt sich das auch hier nachvollziehen. Denn was passiert im Normalfall mit einem Kind in unserer Gesellschaft? Es wird geboren, vielleicht in diesem Leben das erste Trauma? Es hat auf die Welt zu kommen, wenn der vorher errechnete Termin eintritt oder wenn Krankenhaus oder Arzt Zeit und Raum haben. Aber vielleicht war der Geburtsvorgang unkompliziert, die Hebamme und der Arzt verhalten sich mitfühlend, Mutter (und der evtl. anwesende Vater) und Säugling bekommen alle Zeit für sich. Nach einigen Minuten wird das Kind gewaschen, eingekleidet, eingewickelt, abgeholt, wird von der Mutter getrennt, kommt in die Säuglingsstation. Hier ist es nun, nach neun bis zehn Monaten gut aufgehoben im Bauch der Mutter echt abgenabelt, für sich allein und kann sich mit den anderen Babies im Raum die kleine Seele aus dem Leib schreien. In gewissen Zeitabständen wird es dann zur Mutter gebracht, gewickelt und gepflegt. Der Anfang eines Lebens, wie er nicht unbedingt sein müsste.
Selbst wenn dies oben zu negativ beschrieben ist und in den ersten Monaten nach der Geburt alles harmonisch und fürsorglich vor sich geht, das Kind viel Zuneigung und Liebe erfährt, ist es nicht gesagt, dass es alle Möglichkeiten erhält seine heilsamen Potenziale zu entfalten und weiterzuentwickeln. Ich möchte an dieser Stelle gar nicht erst auf Vernachlässigung oder Misshandlung von Kindern eingehen. Diese sind ganz offensichtlich als Schädigungen und unheilsame Verhaltensweise zu erkennen, die den anvertrauten Kindern in keiner Weise nützen und diese in ihrer natürlichen Entwicklung erheblich stören und behindern und die Grundlage für spätere Krisen legen. Auch eine als normal angenommene Familie und ihre Erziehung kann Entwicklung stören oder behindern. Es beginnt meist schon damit, dass sich die Eltern zu viel Sorgen um ihr Kind machen und es überbehütet wird. Das Baby wird in enge Kleidung eingepackt, ins Bettchen weggelegt, in den Laufstall gesteckt, immer gut zugedeckt und es wird gut aufgepasst, dass es nicht hinfällt. So wird es dem Kleinen schwer oder unmöglich gemacht, sich selbst, seinen Körper, seine Umgebung kennen zu lernen, zu erforschen und neue Erfahrungen zu sammeln. Organisches Lernen, das nichts mit Logik und Verstand zu tun hat, wird behindert oder unmöglich gemacht.
Es muss selbstverständlich nicht immer alles zum größten anzunehmenden Unfall führen und ich kann hier nur exemplarisch auf ein umfangreiches Thema eingehen, doch ist es wichtig sich selbst klar zu werden, dass wir in unserer Gesellschaft nicht unbedingt optimal dem menschlichen Bedürfnis nach Lernen, Erfahren, Verwirklichen, Entfalten, Leben entgegenkommen.
Wenn sich das Kind in den ersten Lebensjahren gut entwickelt hat, dann kann es sein, dass mit dem Eintritt in den Kindergarten wieder ein einschneidendes Kapitel für den kleinen Menschen aufgeschlagen wird. Um so tief- greifender wird dann der Beginn der Schulausbildung empfunden. Die Frage muss erlaubt sein: Lernen unsere Kinder in der Schule tatsächlich das, was sie wirklich für ihr Leben benötigen um echte Menschen zu werden. Ich wage ketzerisch zu denken, denn der Alltag sieht in diesem Falle nicht viel versprechend aus. Politische Parteien entscheiden darüber, was, wann, wie gelernt wird. Pädagogen werden zum ausführenden Gehilfen der Politik degradiert. Alles ist geregelt, ruhig sitzen, ungesund sitzen, lernen für die Prüfung und die Noten, nicht mehr frei entscheiden, wann Pause ist, alles, was Lernen blockiert oder unmöglich macht, wird möglich gemacht.
Es würde natürlich nur negativ und pessimistisch stimmen und es hilft auch niemandem, wenn über diese eigentlich unhaltbaren Zustände nur diskutiert und lamentiert wird. So ist einer der Auswege aus der persönlichen Krise, die vielleicht schon früh in unserer Kindheit begonnen hat, sich auf seine eigenen Fähigkeiten und Potentiale zu besinnen. Wir Menschen tragen nicht nur unser vergangenes Karma in uns. Wir sind auch nicht dem Einfluss der Umgebung hilflos ausgeliefert, sondern haben die Möglichkeit unsere Anlagen selbst zu entwickeln und möglichst frei zu entfalten. Dazu bedarf es der Einsicht und dem Willen für sich selbst Verantwortung zu übernehmen.

Wege aus der Krise
Wer sich selbst nicht kennt, kennt auch die anderen nicht. Um die Welt zu verstehen, ist es notwendig bei sich selbst zu beginnen und sich kennen zu lernen. Zen in Bewegung ist ein pragmatischer Weg und leitet zu eigener Erfahrung und Entfaltung der bereits vorhandenen Potentiale an. Diese müssen jedoch erst einmal selbst entdeckt werden um dann, im Laufe der Zeit, für sich und andere heilsam genutzt und eingesetzt zu werden.
Wie viele Menschen (Erwachsene) kennen ihren eigenen Körper? Wer ist sich seiner inneren Vorgänge tatsächlich bewusst? Wer kennt seine Bewegungsabläufe? Wenn die Menschen ihren Körper schon nicht kennen, wie sollten sie dann ihren Geist kennen? Der Körper ist wie ein Werkzeug, man kann ihn praktisch benutzen, spüren lernen und heilsam mit ihm umgehen. Im Zen sagt man: Körperhaltung beeinflusst Geisteshaltung, Geisteshaltung beeinflusst Körperhaltung. Wenn der Körper meldet: Alles in Ordnung, mir geht's gut; dann empfangen Bewusstsein und Unbewusstes dieses Signal und schalten auf Alles in Ordnung. Bewusstsein und Unbewusstes melden dem Körper, dass alles in Ordnung ist und er sich entspannen kann. Vom Geiste gehen die Dinge aus. So erleben wir, wenn sich der Geist mit heilsamen förderlichen Dingen beschäftigt, dass der Körper auch darauf reagiert. Körper und Geist bilden eine Einheit, die sich gegenseitig steuert und beeinflusst. Es ist also sehr wichtig, beide mit der entsprechenden Achtsamkeit und Hinwendung zu behandeln.
Tue nichts im Übermaß. Oder, wie der Buddha sagt: Vermeide Extreme. So ist Faulheit ebenso zu vermeiden wie Überforderung von Körper und Geist. Zen in Bewegung ist z. B. keine Fitnessgymnastik, kein Sport oder Yoga etc., es hat kein Für oder Gegen etwas. Es ist auch keine Therapie im medizinischen Sinn. Vielmehr werden unter Anleitung verschiedene Bewegungen achtsam ausgeführt. Bewegung, Körper und Geist kommen wieder in ihren natürlichen Zustand und kommunizieren im Einklang.

Organisches lernen
Durch bewusst ausgeführte Bewegung lernen wir uns selbst kennen. Bewegen hat immer mit Lernen zu tun. Bewegung verändert unsere Gehirnstruktur und bricht Erstarrung auf. Festgefahrene Gewohnheiten werden erkannt, Körper und Geist werden wieder flexibel. Talente, Neigungen und Fähigkeiten werden (wieder) entdeckt, belebt, gefördert und zur Ausführung gebracht. Lernfähigkeit wird verbessert. Stress und Verspannungen werden abgebaut und nach einiger Übung bereits im Vorfeld reduziert oder am Entstehen gehindert.
Geeignet sind die Übungen für jeden. Wenn das lange Sitzen in der Meditation für manche Menschen zu anstrengend ist, lässt sich über Zen in Bewegung sagen, dass es jeden Menschen dort abholt, wo er gerade steht, sitzt oder liegt. Die Übungen finden auf einer solch subtilen und grundlegenden Ebene statt, dass sie als wohltuend und heilsam erfahren werden. Es zieht in Betracht, dass viele Menschen in unserer Wohlstandsgesellschaft relativ unbeweglich sind - was für Körper und Geist gleichermaßen zutrifft - und bringt bei, sich der eigenen Bewegungen, festgefahrener Abläufe und der Muster im Verhalten und im Denken bewusst zu werden. Gerade da es auch die psychischen Probleme über Bewegungsabläufe angeht, ermöglichen die Übungen in jeder Hinsicht Krisen und Problemen auf neue Art auf den Grund zu gehen. Zen in Bewegung hat als Ziel, die Dinge einfach mal anders zu machen, Gewohnheiten zu durchbrechen und über diesen Weg Selbstwesenschau zu erfahren. Gerade wenn man in Krisen in festgefahrenen Situationen steckt und das Gefühl dominiert, dass alles festgefahren sei, alles bereits durchdacht wurde und keine Bewegung und Veränderung mehr möglich sei, lenkt Zen in Bewegung die Aufmerksamkeit auf eine andere Ebene und macht über subtile Bewegungsübungen Gewohnheiten bewusst. Es bietet somit eine Möglichkeit sich selber auf neue Weise kennen zu lernen und herauszufinden, wie man mit sich selber umgehen muss, was einen weiter bringt. Die angesprochenen Einschränkungen aus der Kindheit lassen sich auf diese Weise nachholen, frühere Defizite kompensieren und es besteht die Möglichkeit im nachhinein noch Zugang zu verschütteten Potentialen zu finden.

© by Dorin Genpo Döring
Dieser Artikel ist erschienen in der Zeitschrift Zenshin - Zeitschrift für Zen-Buddhismus (Ausgabe 02/2005).

Zum Autor: Dorin Genpo Döring, Zenpriester und Vater von drei Kindern, gehört dem Myoshin-ji-Orden an, einer der grossen Traditionen des Rinzai-Zen in Japan. 1977 begann er in Japan die Zen-Praxis und wurde 1985 Schüler von Hozumi Gensho Roshi. Er leitet den Bodaisan Shoboji Zentempel in Dinkelscherben und betreut im Auftrag von Hozumi Gensho die Hakuin Zen-Gemeinschaft Deutschland.

Termine Zen in Bewegung im Jahr 2006 siehe: www.shoboji.de; oder telefonisch erfragen im Internationalen Zen-Zentrum, Bodaisan Shoboji Rinzai-Zentempel in Dinkelscherben
Telefon: +49 (0) 8292 3116, Fax: +49 (0) 8292 3325

Fragen zu Zen
Literaturtipps

Das Zen- Buch vom Leben und vom Sterben. Ein spiritueller Ratgeber


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