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Die Sanbo-Kyodan - Zenschule
geschrieben von: Ingo Preuss am Samstag, 20. Juli 2002, 13:42 Uhr
Die beiden größten heute noch lebendigen Zenschulen Rinzai und Soto gehen auf die alten chinesischen Zen-Meister Lin-chi I-hsuan (jap. Rinzai Gigen +866) bzw. Tung-shan Liang-chieh (jap. Tozan Ryokai 807-869) zurück und wurden Ende des 12. bzw. Anfang des 13. Jahrhunderts von Eisai Zenji bzw. Dogen Zenji nach Japan übertragen. Soto- und Rinzai-Zen unterscheiden sich in der Art und Weise ihrer Schulung insofern deutlich, als Soto die Praxis des Shikantaza betont, während Rinzai die Koan-Übung in den Vordergrund stellt.

Die Sanbo-Kyodan - Schule (= Schule der "Drei Schätze"; gemeint sind damit Buddha, Dharma und Sangha) ist in Japan eine relativ junge und kleine Zen-Linie, die wesentliche Elemente aus Soto und Rinzai in sich vereint hat. Ihr Schwerpunkt verlagert sich heute mehr und mehr nach Europa, wo die Zahl derer, die beauftragt sind, Zen zu lehren, und deren Schülerinnen und Schüler ständig wächst. In ihrer Idee und ihren Anfängen freilich geht sie auf Harada Roshi zurück.

Bereits mit 7 Jahren wurde Sogaku Harada Novize in einem Soto-Tempel und setzte die Ausbildung dort während seiner ganzen Schulzeit fort. Weil er in der Soto-Sekte keine Führung durch einen tief erleuchteten Meister hatte finden können, wurde er mit 20 Jahren Mönch im Shogen-Ji, einem bedeutenden Rinzai-Kloster seiner Zeit.

Auf Geheiß seines Vaters verließ er im Alter von 27 Jahren das Shogen-Ji, um sich an der Komazawa-Universität dem Studium des Buddhismus und intensiven Forschungsarbeiten auf diesem Fachgebiet zu widmen. Aber Vertiefung in die Wissenschaft brachte ihm nicht die ersehnte tiefe Einsicht. Deshalb entschloss er sich, bei Dokutan Roshi, dem Meister des Nanzen-Ji in Kyoto, weiterzuüben. Er machte dort die gesamte Koanschulung durch und bekam schließlich von Dokutan Roshi das Siegel der Bestätigung.

Gleichzeitig berief ihn die Komazawa-Universität zum Professor. 12 Jahre lehrte er dort und leitete während der Semesterferien Sesshin, bis er sich 1920 entschloss, aus dem trockenen und kopflastigen akademischen Leben auszusteigen und das Amt des Abtes von Hosshin-Ji zu übernehmen. Dort erwarb er sich den Ruf eines strengen Zen-Meisters und machte das Kloster in den folgenden 40 Jahren zu einem der hervorragendsten Zen-Zentren Japans. 1961 starb er im Alter von 91 Jahren. (1)

Harada Roshi war der erste japanische Zen-Meister, der persönlichen Einblick in zwei Zenschulen hatte. Obwohl Soto-Mönch, wechselte er aus Unzufriedenheit mit dem damaligen Zustand des Soto-Zen zu Rinzai-Meistern und durchlief deren Koan-Schulung. Für seine eigenen Schüler wählte er aus beiden Richtungen das ihm wichtig Erscheinende aus und entwarf ein intensives Schulungskonzept, das aus etwa 600 bis 700 Koans bestand. Damit war er zum Ahnherrn der Sanbo-Kyodan-Schule geworden, deren Charakteristikum es ist, Elemente aus beiden Schulen in sich zu vereinen. Vom Staat offiziell als Zen-Linie anerkannt wurde Sanbo-Kyodan allerdings erst 1954 unter Yasutani Roshi.

HAKUUN (Weiße Wolke) YASUTANI ROSHI (1885 - 1973)

Seisaku Yasutani wurde am 5.1.1885 geboren. Da seine Mutter eine fromme Frau war, wollte sie, dass er Mönch würde, und gab ihn im Alter von fünf Jahren in einen Tempel. Dort wurde er als buddhistischer Mönch erzogen, besuchte daneben aber auch die Schule und verbrachte schließlich vier Jahre an einer Lehrer-Bildungsanstalt. Nominell Mönch, arbeitete er ab 1914 in Ermangelung eines Tempels als Schullehrer, heiratete mit 30 Jahren und wurde Vater von fünf Kindern.

Seit seinem 15. Lebensjahr hatte er Zazen geübt, spürte aber, dass ihm ein wirklicher Meister fehlte. Mit 40 Jahren fand er ihn. Es war Harada Roshi. Daraufhin gab er seine Schullaufbahn auf, wurde Tempelpriester und besuchte regelmäßig Harada Roshi's Sesshin im Hosshin-Ji. 1927 wurde ihm Kensho bestätigt, 1938 beendete er sein Koanstudium unter Harada. Im Jahr 1943 erhielt er Inka und wurde zum DharmaNachfolger seines Meisters ernannt.

Von da an widmete sich Yasutani Roshi intensiv der Lehrtätigkeit. Er verfasste in diesen Jahren fünf Bände von Kommentaren zu den Koan-Sammlungen. Außerdem leitete er regelmäßig Sesshin und Zazenkai in allen Gegenden Japans, vor allem aber im Großraum von Tokyo. Dadurch entstanden unter seiner Führung allmählich ca. 25 Zengruppen. Eine von ihnen war das sog. Kamakura Hakuunkai, das am 23. Mai 1953 begann und die Grundlage für das spätere Zendo von Yamada Roshi in Kamakura werden sollte. Was die Übungsweise betrifft, so hatte er Haradas Schulungskonzept mit den 600-700 Koans übernommen und nur in Kleinigkeiten abgeändert.

Am 8. Januar 1954 wurde die Sanbo-Kyodan-Linie - ein Name, unter dem Yasutani seine Gruppen in ganz Japan organisiert hatte - von der Soto-Schule unabhängig und als eine eigene Linie offiziell vom Staat anerkannt. 1960 gab Yasutani das Siegel der Bestätigung an Kyozo Yamada und bestimmte ihn zu seinem Nachfolger. Zwei Jahre später unternahm Yasutani seine erste Reise in die USA und hielt in vielen namhaften Städten Sesshin ab. Sechs weitere Reisen dorthin folgten im Lauf der nächsten Jahre, und auch in England, Frankreich und Deutschland hielt er Vorträge über Zen. Daneben schrieb er zwischen 1967 und 1972 einen fünfbändigen Kommentar zu Dogen Zenji's Shobogenzo und - in chinesischer Sprache - ca. 1500 Gedichte.

1970 trat er als Oberhaupt der Sanbo-Kyodan zurück; Yamada Koun Roshi rückte nach. Im gleichen Jahr noch gab Yasutani Inka unter anderem an Hakuyu Maezumi und an Akira Kubota, das heutige Oberhaupt der Linie. Im März 1973 starb Yasutani, 88-jährig.

KYOZO YAMADA wurde im Norden Japans geboren. Nach dem Besuch der High School und der Universität in Tokyo arbeitete er in einer großen Firma. Kurz vor Kriegsausbruch jedoch zog er mit seiner Familie in die Manschurei. Dort traf er Soen Nakagawa wieder, der schon zu Schulzeiten sein Zimmergenosse gewesen war und später Roshi des Ryutaku-ji werden sollte. Gespräche mit ihm ließen in Kyozo Yamada die Hinwendung zum Zen reifen. Bei Kriegsende aus der Manschurei zurückgekehrt, begann er mit der Zen-Praxis unter Asahina Sogen Roshi vom Enkaju-ji in NordKamakura, wechselte dann aber zu Tanzen Hamamoto Roshi über, weil er bei ihm jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit Dokusan haben konnte. Yamadas Wunsch, in Kamakura eine Zengruppe von Laien zu gründen, ließ sich realisieren, als er auf Yasutani Roshi stieß, der sich bereit erklärte, Lehrer dieser Gruppe zu sein. Unter ihm hatte Yamada 1953 sein großes Kensho-Erlebnis, von dem Philip Kapleau uns unter "Herr K.Y." berichtet. (2) 1960 erhielt er von Yasutani Roshi Inka und wurde zu seinem Nachfolger bestimmt. Nach seinem Rückzug aus dem Finanzwesen wurde Yamada Direktor einer großen Klinik in Tokyo, in der seine Frau als Ärztin arbeitete.

1970 übernahm er die Leitung der Sanbo-Kyodan-Schule und entschloss sich, neben seinem bescheidenen Haus in Kamakura ein eigenes Zendo zu erbauen (San-Un-Zendo= Zen-Halle der "Drei Wolken" - eine Anspielung auf die Zen-Namen von Harada, Yasutani und Yamada). Es wurde in kurzer Zeit zu einem aktiven Zen-Zentrum, in dem sich regelmäßig Japaner und Nicht-Japaner zum Zazen, Teisho und Dokusan trafen. Fünf- oder sechsmal im Jahr fand ein Sesshin statt. Männer und Frauen unterschiedlichster Herkunft, Interessen und religiöser Zugehörigkeit wuchsen in diesem Winkel Kamakuras zu einer spirituellen Gemeinschaft zusammen, deren Ansehen sich weit über Japan hinaus in alle Teile der Welt ausbreitete. Diese Gemeinschaft lockte viele suchende Menschen aus Übersee an, die dann entweder für längere Zeit oder in den Sommermonaten zu den Sesshin kamen.

Er übertrug Inka an Kubota Akira (Ji-un) Roshi, dem jetzigen Abt der Sanbo-Kyodan-Zenschule. Dieser übertrug 1996 Inka an Willigis Jäger (Ko-un Roshi) Würzburg und 2001 an Gundula Meyer (Zui-un Roshi) Ohof.

Die Auswirkung von Yamada Roshis Leben und Lehren auf die Welt wird immer deutlicher, da seine beauftragten Schülerinnen und Schüler inzwischen selber Zen-Gruppen in verschiedenen Teilen der Welt leiten. Einige der neuen Gruppen sind schon gut gedeihende Sanghas (Zen-Gemeinschaften).

Blickt man zurück auf die annähernd zwei Jahrzehnte von Yamada Koun Roshis Arbeit, so heben sich drei Punkte heraus, die als sein einzigartiger Beitrag zur Geschichte des Zen gelten können.

1. Der erste Punkt ist das, was sich "Laisierung" des Zen nennen ließe. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern Harada und Yasutani war Yamada Roshi selbst nie ein Zen-Mönch oder Tempelpriester - (obwohl gesagt wird, er habe die Vorstufe der buddhistischen Ordination erhalten). Er war Familienvater und stand mitten im Berufsleben, wohlvertraut mit weltlichen, geschäftlichen und juristischen Dingen. Wie Tausende von Japanern begab er sich jeden Tag als Pendler von Kamakura zur Kenbikyo-in, seiner Klinik in Tokyo.

Dieser persönliche Lebenshintergrund trug wohl neben seinem Weitblick und seinem tiefen Zenverständnis dazu bei, dass Yamada Roshi die Zenpraxis aus ihrer Bindung an das klösterliche Leben herausgeführt hat und seine ZenGemeinschaft in erster Linie eine Laien-Sangha war. Zen wurde dadurch von der klösterlichen Observanz befreit, ohne dass seinem Wesen etwas verloren gegangen wäre. Zwar hat das vorher bereits Yasutani Roshi getan, aber unter Yamada Roshi weitete sich die Sangha auch auf Nicht-Buddhisten aus. Im Zen gab es für ihn keine Unterscheidung zwischen Mönchen und Laien, Männern und Frauen, Religion und Welt. Zen ist Zen und hat mit der Lebensform erst in zweiter Linie zu tun. Die Bedeutung dieser Tatsache kann nicht genug betont werden.

In der Geschichte des Buddhismus nämlich sind Laien immer als zweitrangig betrachtet worden, während man glaubte, dass Mönche auf dem direkten Weg zur Erleuchtung waren. Diese klösterliche Färbung bestimmte bislang stark das Bild, das von Zen in den Westen gelangte. Yamada Roshi dagegen bezog sich in seinen Vorträgen oft auf "Yuima-koji" oder "den Laien Vimalakirti", der die höchste Stufe von Erleuchtung verwirklicht hatte und sogar Lehrer von Mönchen geworden war. Er zeigte klar auf, dass es das zentrale Anliegen des Zen ist, derartige Unterscheidungen zu durchbrechen und Erleuchtung im ganz normalen Alltagsleben zu verwirklichen. Auf den Berg der Erleuchtung steigt man nur hinauf, um wieder hinunterzusteigen auf den Marktplatz. Tatsächlich tut unserer Zeit nichts mehr not als das Zeugnis im Alltag.

2. Der zweite erwähnenswerte Punkt in Yamada Roshis Leben und Lehren betrifft die soziale Dimension der menschlichen Existenz. Für ihn war sie das folgerichtige Ergebnis der Erleuchtung. Die Dinge sehen, wie sie wirklich sind in ihrer Leere und gegenseitigen Bedingtheit, und sich als eins zu erfahren mit allen Lebewesen lässt Mitgefühl aufkommen mit all ihren Hoffnungen und Freuden, mit all ihren Sorgen und Schmerzen. In seinen Vorträgen ebenso wie in seinen einleitenden Betrachtungen im “Kyosho” (= Glocke der Morgendämmerung), der Zwei-Monats-Schrift der Sanbo-Kyodan, behandelte er nicht nur zenspezifische Themen, sondern bezog sich oft auch auf politische, ökonomische und soziale Probleme. Manchmal sprach er von seinem utopischen Traum, alle führenden Politiker zu einem "Zen-Gipfeltreffen" zusammen zu bringen, um gemeinsam auf der Basis des Zen die ernsten Menschheitsprobleme anzupacken.

3. Aber Yamadas bedeutungsvollster Beitrag zur Kultur- und Religionsgeschichte lag wohl darin, dass er die Zenspiritualität auch noch aus ihrer konfessionellen Verwobenheit herausgelöst hat, indem er deutlich machte: Erleuchtung ist nicht ein buddhistisches, sondern ein allgemein menschliches Ereignis, das einem Buddhisten, Christen, Hindu, Moslem oder auch einem sog. Ungläubigen in gleicher Weise widerfahren kann.

Obwohl es einige buddhistische Mönche und Tempelpriester in seiner Sangha gab, waren auch ca. 15 katholische Priester, Ordensleute und protestantische Pfarrer und Pfarrerinnen unter seinen nicht-japanischen Schülern, und auf der Liste derer, die das Koanstudium abgeschlossen hatten und eine Lehrbeauftragung bekamen, stehen in der Mehrzahl christliche Priester und Ordensleute. Das allein zeugt schon von seiner tiefen Erfahrung und inneren Freiheit, die sich über konfessionelle Ängste hinweg setzte. Yamada Roshi wurde nicht müde darauf hinzuweisen, dass im Zen alle Konzepte - auch die von Gott - wegzufallen haben, weil es ein Weg der reinen Erfahrung ist.

Neben seinem Interesse für die Entwicklungen auf dem Gebiet der Naturwissenschaften und der Transpersonalen Psychologie und für deren Annäherung an die eine Wahrheit von unterschiedlichen Richtungen her war Yamada der Ansicht, dass Zen in Japan möglicherweise an Boden verlieren und erst über den Westen, in seinem äußeren Kleid gewandelt, wieder dorthin zurückkehren werde. Mitten in diesem Prozess stehen wir heute. Freilich wird sich Zen im Westen wohl nur durchsetzen, wenn es nicht in Konkurrenz gerät zur westlichen Kultur und Religion, sondern sein transreligiöser Charakter zum Tragen kommt. Allein dann hat es die Chance, wirklich eine Weltspiritualität zu werden, die alle Konfessionen und Weltanschauungen übersteigt, aber sich doch befruchtend auf jede von ihnen auswirken kann. Alle Wesen haben die Wesensnatur, also sind auch alle zum Satori berufen, zur Erfahrung der Welt der Leerheit, "karappo no sekai", wie Yamada Roshi immer wieder, sogar noch auf seinem Krankenlager, zu sagen pflegte. (3)

Im September 1989 hat das Gremium den Leiter der Sanbo Kyodan Kubota Ji'un Roshi zum neuen Oberhaupt der Gruppe ernannt. Er hatte bereits seit den späten 60er Jahren bei der Leitung des San-Un-Zendo mitgeholfen. Assistiert wird er von Yamada Massamichi Ryo-un Roshi, dem Sohn des verstorbenen Yamada Roshi, der vor allem den Kontakt mit den westlichen Zenlehrern halten soll.

Im November 1996 erhielt Willigis Jäger (Ko-un Roshi) Inka von Kubota Roshi. Mit Kubota Roshi und Yamada Roshi ist er der dritte Roshi in der Sanbo-Kyodan-Linie, der Inka (Shoshike) erhalten hat. Im November 2001 erhielt Gundula Meyer (Zui-un Roshi) Inka von Kubota Roshi. Sie ist somit der zweite westliche und erste weibliche Roshi in der Sanbo-Kyodan-Linie.

Anmerkungen:
1) Kapleau Ph., Drei Pfeiler des Zen, München 1987, S.374f
2) Kapleau Ph., a.a.O. S.285 ff
3) Habito Ruben, No longer Buddhist nor Christian, Manuskrip

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Mit freundlicher Genehmigung des Büros von Willigis Jäger (c) 2002
original URL dieses Artikels: http://willigis-jaeger.de/Sanbokyodan/sanbokyodan.html bzw.: http://willigis-jaeger.de/deu/publikationen/aufsaetze/sanbo_c.html

Anmerkung: Die Arbeit und das spirituelle Anliegen von Willigis Jäger werden unterstützt durch «Spirituelle Wege e.V. - Zen und Kontemplation» - ein Zusammenschluss seiner Schülerinnen und Schüler.
URL: http://www.spirituelle-wege.de/

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