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weitere Texte -- Index > Zengeschichten > Anekdote (1) druckerfreundliche Ansicht

Anekdote (1)

Es gab in den Zen-Tempeln Japans eine alte Sitte: Gewinnt ein Wandermönch das buddhistische Streitgespräch mit einem der Mönche des Tempels, in dem er Unterkunft sucht, so kann er die Nacht über bleiben; wenn nicht, muß er weiterziehen.
Eines Abends kam ein Wandermönch auf der Suche nach einem Nachtlager zu einem Kloster, in dem sich nur noch zwei Mönche aufhielten. Der eine Mönch war sehr gelehrt, aber da er an diesem Tag schon viele Stunden die Sutras studiert hatte, war er müde, und so bat er seinen Bruder (der geistig etwas zurückgeblieben war und nur noch ein Auge besaß) das Streitgespräch zu führen. Der weise Mönch riet seinem etwas dummen Bruder, er solle es aber zur Bedingung machen, daß das Gespräch ohne Worte stattfinde.
Etwa zehn Minuten später kam der Wandermönch zu dem gelehrten Mönch und sagte:
»Das ist aber ein schlauer Kerl, den du mir zur Debatte geschickt hast. Ich hatte keine Chance gegen ihn und möchte mich von dir verabschieden.«
»Bevor du gehst, erzähle mir doch bitte den Verlauf des Gesprächs«, bat der Mönch.

»Nun gut«, sagte der Wanderer, »zuerst hielt ich einen Finger hoch - der repräsentierte Buddha. Daraufhin hielt dein Bruder zwei Finger hoch - für Buddha und seine Lehre. Da hielt ich drei Finger hoch - für Buddha, seine Lehre und die Gemeinde seiner Anhänger. Da hielt mir dein Bruder die geballte Faust vors Gesicht, was heißt, daß alle drei aus einer Wurzel und einer Erkenntnis stammen. Da sah ich ein, daß ich verloren hatte...«

Damit verabschiedete sich der Wandermönch und zog weiter.Kurz darauf traf der kluge Mönch seinen Bruder, der etwas verstört wirkte: »Ich hörte, du hast die Debatte gewonnen. Erzähle mir von deiner Kunst der Rhetorik.«

»Nun«, sagte der Mönch, »es begann damit, daß der Wandermönch einen Finger hochhielt, um mich auf hochnäsige Weise zu beleidigen, weil ich ja nur ein Auge habe. Ich wollte aber höflich sein, mich nicht provozieren lassen, und so hielt ich zwei Finger hoch, um ihm zu seinen beiden gesunden Augen zu gratulieren. Da hielt doch dieser unverschämte Mensch drei Finger hoch, um zu zeigen, daß wir zusammen nur drei Augen haben. Das machte mich so wütend, daß ich ihm schließlich mit der Faust drohte - da nickte er stumm, als Zeichen, daß er mich verstanden hatte, und ging.«
Literaturtipps

Bi- Yän- Lu. Koan- Sammlung


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